Nachlass regeln in Deutschland – Schritt für Schritt
Den Nachlass eines verstorbenen Angehörigen zu regeln ist eine Aufgabe, die juristische Genauigkeit und emotionale Kraft verlangt. Dieser Ratgeber zeigt Ihnen Schritt für Schritt, was in Deutschland zu tun ist – vom Auffinden des Testaments bis zur Erbteilung.
Testament suchen und eröffnen lassen
Suchen Sie zunächst in den Unterlagen des Verstorbenen nach einem eigenhändigen Testament. Hinterlegte Testamente bei Notaren werden seit 2012 zentral im Zentralen Testamentsregister der Bundesnotarkammer verzeichnet und automatisch ans Nachlassgericht gemeldet. Sie müssen das Testament beim Nachlassgericht (Amtsgericht am letzten Wohnsitz) abliefern – das gilt auch für privatschriftliche Testamente. Das Gericht eröffnet es und benachrichtigt die Erben.
Erbschein beantragen
Der Erbschein ist das amtliche Zeugnis, das Sie als Erbe ausweist. Banken, Grundbuchämter und Versicherungen verlangen ihn. Beantragt wird er beim Nachlassgericht – persönlich, beim Notar oder schriftlich mit eidesstattlicher Versicherung. Die Gebühr richtet sich nach dem Nachlasswert: bei EUR 100.000 etwa EUR 546 doppelt (Erteilung + eidesstattliche Versicherung).
Bei notariellem Testament reicht häufig die beglaubigte Abschrift mit Eröffnungsprotokoll – ein Erbschein ist dann nicht zwingend nötig.
Erbengemeinschaft – wenn mehrere erben
Mehrere Erben bilden automatisch eine Erbengemeinschaft (§ 2032 BGB). Sie können nur gemeinsam über den Nachlass verfügen. Das führt häufig zu Konflikten, vor allem bei Immobilien. Möglich sind: einvernehmliche Erbauseinandersetzung, Auszahlung einzelner Miterben, Teilungsversteigerung oder ein Erbauseinandersetzungsvertrag beim Notar.
Pflichtteil und Pflichtteilsergänzung
Enterbte nahe Angehörige (Kinder, Ehegatte, Eltern) haben einen Pflichtteilsanspruch in Höhe der Hälfte des gesetzlichen Erbteils – als Geldforderung gegen die Erben. Schenkungen der letzten 10 Jahre können den Pflichtteil über die Pflichtteilsergänzung erhöhen.
Schulden und Nachlassverbindlichkeiten
Erben haften grundsätzlich auch mit ihrem Privatvermögen für die Schulden des Verstorbenen. Bei Überschuldungsverdacht prüfen Sie schnell: Schulden, Bürgschaften, Verträge. Sie haben drei Optionen: Ausschlagung (6 Wochen), Nachlassinsolvenzverfahren oder Dreimonatseinrede gegenüber Gläubigern.
Erbschaftssteuer in Deutschland
Erben müssen das Erbe binnen 3 Monaten beim Finanzamt anzeigen. Ehegatten haben einen Freibetrag von EUR 500.000, Kinder EUR 400.000, Enkel EUR 200.000, Geschwister und Nichtverwandte EUR 20.000. Die Steuersätze in Klasse I (enge Familie) liegen zwischen 7 % und 30 % je nach Höhe des Erbes. Für selbstgenutzte Familienheime gelten Sonderregelungen.
Praktischer Ablauf in der Wegbegleiter App
Die Wegbegleiter App listet alle Schritte für Deutschland chronologisch auf, generiert Schreiben an Banken und Versicherungen und erinnert an Fristen wie Ausschlagung, Steueranzeige und Pflichtteilsverjährung (3 Jahre).
Häufige Fragen
- Wie lange dauert es, einen Nachlass zu regeln?
- Einfache Nachlässe dauern 6 bis 12 Monate. Bei Immobilien, Streit oder Auslandsbezug sind 2 bis 5 Jahre realistisch.
- Muss ich einen Erbschein beantragen?
- Bei notariellem Testament meist nein – das eröffnete Testament samt Eröffnungsprotokoll genügt vielen Stellen. Bei privatschriftlichem Testament oder gesetzlicher Erbfolge ist der Erbschein nahezu immer nötig.
- Was kostet ein Anwalt für Erbrecht?
- Erstberatung pauschal ca. EUR 200–250 netto. Bei umfassender Vertretung richten sich die Kosten nach dem Gegenstandswert (RVG). Bei komplexen Fällen mit hohem Nachlasswert sind 5-stellige Beträge möglich.
- Kann man den Pflichtteil entziehen?
- Nur unter engen Voraussetzungen (§ 2333 BGB), etwa bei einem Verbrechen gegen den Erblasser. Pauschale Enterbung allein reicht nicht.
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